Arachnologische Gesellschaft

Taxonomie

Die Beschreibung neuer Arten sowie die Revision (Wiederbeschreibung, Ergänzung, Korrektur, Klassifizierung in einem System der Verwandtschaftsbeziehungen) ist Aufgabe der Taxonomie. Taxonom(inn)en und Systematiker(innen) arbeiten häufig an Naturkundemuseen, die traditionell Beleg-Sammlungen besitzen und verwalten. Aber auch an Universitäten wird taxonomisch-systematische Forschung betrieben. Leider gibt es immer weniger Spezialisten für viele Pflanzen-, Pilz- und Tiergruppen.

Texte: S. Bayer & H. Höfer

Wie beschreibt man eine neue Art?

Eine Art neu zu beschreiben ist eine zeitaufwendige, Sorgfalt erfordernde Tätigkeit. Es sollen möglichst viele Merkmale erfasst und beschrieben werden. Häufig wird das Belegexemplar vermessen, sein Aussehen (Farbe, Form) beschrieben und mit Fotografien oder Zeichnungen von Details dargestellt. Die wichtigste und anspruchsvollste Aufgabe ist die Untersuchung und Bewertung von Merkmalen im Vergleich mit anderen Individuen der gleichen Art und natürlich mit solchen von verwandten, aber unterschiedlichen Arten (phänologische Merkmalsanalyse). Hierbei erkennt und benennt der Bearbeiter (Taxonom) sogenannte diagnostische, d.h. die betreffende Art von anderen Arten eindeutig unterscheidende Merkmale.

Auch die möglichst umfangreiche und genaue Beschreibung der Herkunft (Fundort, Lebensraum), Fundumstände (Methoden, Sammler, Datum) und von Beobachtungen (z.B. der Lebensweise) sind wichtig. Überdies werden heute molekulargenetische Merkmale (Sequenzen) analysiert, welche beim Vergleich von Arten bzw. deren Bestimmung helfen. Da heute Daten zu Belegexemplaren in großer Menge in digitalen Datenbanken verwaltet werden können, sind eine möglichst weitgehende Standardisierung und die Erfassung sogenannter Metadaten (Daten zu den Daten) für vielfältige weitere Nutzung besonders wertvoll.

Wie benennt man eine neue Art?

Eine Art wird seit 1748 nach dem Vorschlag des Botanikers Carl von Linné durch zwei Wörter benannt: das erste wird großgeschrieben und ist der Gattungsname. Eine Gattung umfasst mehrere sehr nahe verwandte Arten. Das zweite Wort wird klein geschrieben und ist das sogenannte Epithet. Beide werden kursiv geschrieben und kennzeichnen zusammen und korrekterweise unter Angabe des Erstbeschreibers und des Jahres dieser Beschreibung eine Art eindeutig.

Der/die beschreibende Taxonom/in stellt zunächst die Zugehörigkeit zu einer Gattung fest. Wird eine neue Art entdeckt, die keiner der bereits beschriebenen Gattungen zugeordnet werden kann, muss zunächst eine Gattung neu beschrieben werden. Damit ist also der erste Teil des Artnamens vorgegeben. Den zweiten Teil, das Epithet, kann der/die Beschreibende frei vergeben. Früher wurde meist versucht, ein Merkmal als lateinischen oder altgriechischen Ausdruck (letzterer musste wiederum latinisiert werden) dafür zu verwenden. Angesichts der Fülle an Arten und Merkmalen ist es aber schwierig, charakteristische merkmalsbezogene Artnamen zu finden. Häufig sind die lateinischen Bezeichnungen für diagnostische Merkmale auch schon für andere Arten vergeben. Daher werden heute auch  andere Bezüge für Artnamen gewählt, wie z.B. der Name der Person, die das Exemplar gesammelt hat, oder der Name des Ortes, an dem es gesammelt wurde.

Beispiele für Artnamen sind:

Abies alba Mill. – Die Weiß-Tanne wurde 1768 von Philipp Miller beschrieben. In der Botanik werden die Autoren oft abgekürzt.

Loxodonta africana Blumenbach, 1797 – Der Afrikanische Elefant wurde von Blumenbach 1797 beschrieben.

Homo sapiens Linnaeus, 1758 – Gattung Mensch, das Epithet drückt „weise“ aus. Die Art ist die einzige noch lebende Menschenart. Der berühmte Wissenschaftler Carl von Linné ist ihr Erstbeschreiber und zugleich der nachträglich designierte Typus der Art. Dieser besondere Fall ist dadurch begründet, dass seine beiden Werke Species Plantarum (1753) und Systema Naturæ (in der zehnten Auflage von 1758) die bis heute verwendete historische wissenschaftliche Nomenklatur in der Botanik und der Zoologie begründeten.

Woher weiß man, dass eine Art neu, also noch unbeschrieben ist?

Dies festzustellen erfordert umfangreiche und sorgfältige Arbeit des Taxonomen mit der Literatur und Belegen aus Sammlungen. Alle Beschreibungen von Arten in derselben Gattung, aber auch solche in nah verwandten Gattungen, müssen mit dem vorliegenden Exemplar verglichen werden. Dabei kommt es vor allem auf Unterschiede in diagnostischen Merkmalen an. Leider weisen alte Beschreibungen meist keine Zeichnungen auf (und natürlich keine Fotografien) und da man im 18. und 19. Jahrhundert noch keinen Überblick über die weltweite Artenvielfalt hatte und in vielen Regionen der Welt noch gar nicht gesammelt wurde, sind die diagnostischen Beschreibungen oft knapp und nicht geeignet, nah verwandte Arten zu differenzieren.

Deshalb muss häufig der Holotypus bzw. das Typusmaterial zum Vergleich herangezogen werden. Dies geschieht über die Ausleihe von Material von öffentlichen Sammlungen oder den Besuch der betreffenden Sammlung. Für Spinnen wichtige Sammlungen in Europa befinden sich z.B. in London, Paris, Berlin, Frankfurt.

Heute helfen weltweite Kataloge für viele Organismengruppen bei der Recherche. Für Spinnen gibt es z.B. den World Spider Catalog online. Hier kann man gezielt nach Gattungen und Arten suchen, die Historie der Beschreibungen und Synonyme finden und fast die gesamte taxonomische Literatur (als pdf) direkt einsehen.

Was ist ein Holotypus?

Die Beschreibung einer neuen Art ist generell an ein Exemplar (ein Individuum) geknüpft. An diesem hängt für immer der Name - es ist der Holotypus. Liegen dem Beschreiber weitere Exemplare derselben Serie vor, werden diese als Paratypen festgelegt. Nur der Vergleich mit den Merkmalen dieses Holotypus-Exemplars ermöglicht letztlich die Feststellung der Artzugehörigkeit von weiteren Exemplaren. Holotypus und Paratypen sollten wegen ihrer Bedeutung für Nachuntersuchungen (bei unzureichenden Beschreibungen) in öffentlich zugänglichen Sammlungen, z.B. an Museen hinterlegt werden. Es gibt noch weitere Sorten von Typen (z.B. Lectotypus, Neotypus, Syntypus, etc.), die aber seltener als Holo- und Paratypen sind und deren Erklärung hier zu weit führen würde.

Bildtafel von Ernst Haeckel