Arachnologische Gesellschaft

Spinne des Jahres 2006

Die Veränderliche Krabbenspinne Misumena vatia (Clerck, 1757)

Zur ersten Europäischen Spinne des Jahres wurde für das Jahr 2006 die Veränderliche Krabbenspinne – Misumena vatia (Clerck 1757) – gewählt. Wie alle Krabbenspinnen ist auch Misumena an ihren zur Seite gerichteten Beinen zu erkennen, die der Familie ihren Namen geben. Die Vorderbeine sind dabei länger als die Hinterbeine. Von den anderen Arten in Deutschland unterscheidet sie sich durch ihre Fähigkeit, ihre Körperfarbe zu wechseln. Dabei besitzt sie ein Farbspektrum von gelb bis weiß.

Informationen zur Art

Biologie und Reifezeit

Die Veränderliche Krabbenspinne ist wie andere Vertreter dieser Familie auch ein Ansitz- oder Lauerjäger und lauert meist in Blüten auf anfliegende Insekten. Mit den kleinen hinteren Beinpaaren halten sich die Spinnen am Untergrund fest. Die vorderen beiden Beinpaare sind stärker ausgebildet, werden hoch gereckt und packen einen ahnungslosen Blütenbesucher blitzschnell, während gleichzeitig Gift injiziert wird. Die Beute wird dann meist an wenigen Stellen eingespeichelt und durch kleine Löcher ausgesaugt, so dass eine beinahe intakte Hülle zurückbleibt.

Veränderliche Krabbenspinnen sind durch ihre Farbveränderung auf gelben und weißen Blüten hervorragend getarnt. Dieser aktive Vorgang kann nur von erwachsenen Weibchen durchgeführt werden und dauert einige Tage. Die Tiere scheinen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge für ihre Feinde und auch für potenzielle Beutetiere ‚unsichtbar’ zu sein.

Geschlechtsreife Tiere können von Mai bis Juli beobachtet werden. Die deutlich kleineren Männchen paaren sich im Frühsommer mit den Weibchen, wobei sie einige Zeit auf deren Hinterleib verweilen und sich zur Begattung auf die Bauchseite des Weibchens begeben. Der Kokon wird u.a. zwischen Blätter abgelegt, die mit Spinnfäden zusammengewoben werden. Jungtiere überwintern in der Bodenstreu und pflanzen sich im darauf folgenden Jahr fort.

Vorkommen und Verbreitung

Häufig bewohnt werden offene Lebensräume wie Wiesen, Moore und Felder, aber auch sonnenbeschienene Weg- und Waldränder, Ruderalflächen und Gärten. In Deutschland scheint die Art nach derzeitigem Kenntnisstand im Norden seltener zu sein als in südlichen Landesteilen. Nachweise aus allen Regionen sind (mit Bildnachweis) gerne willkommen (Kontakt siehe unten). In Europa kommt Misumena von Skandinavien bis zum Mittelmeerraum vor. Zudem ist sie im nördlichen Asien und Nordamerika verbreitet.

Die anderen über 40 Arten der Gattung Misumena sind in den Tropen und Subtropen verbreitet.

Merkmale und ähnliche Arten

Nur die ausgewachsenen Weibchen zeigen die kräftige Gelb- oder Weißfärbung. Neben den beiden Varianten kommen alle Farbübergänge mit grünlich-weißen Tönen vor. Zusätzlich können rote Streifen am Hinterleib auftreten. Der Vorderleib trägt auf der Oberseite zwei dunklere Streifen. Das deutlich kleinere Männchen besitzt einen dunkelbraunen Vorderleib sowie dunkle Vorderbeine, die hintere Hälfte des Körpers ist gelb mit dunklem Muster.

Es gibt eine Art in Deutschland, die ebenfalls aktiv ihre Farbe wechseln kann: Thomisus onustus, hier ist das Spektrum aber erweitert und zwar von Weiß über Gelb nach Violett. Außerdem kann man Thomisus an seinem zweizipfeligen Hinterleib sowie an den auf Auswüchsen stehenden Seitenaugen erkennen. Darüber hinaus kann es in Mitteleuropa zu Verwechselungen mit grüngefärbten Arten von Krabbenspinnen (Diaea dorsata, Diaea pictilis, Misumenops tricuspidatus, Heriaeus mellotei, Heriaeus graminicola) geben, da Jungtiere von Misumena vatia eine grünliche Färbung zeigen, evtl. weil sie sich eher auf grünen Pflanzenteilen wie Blättern aufhalten.

Wegen ihrer auffälligen Färbung und ihrer Variabilität wurde Misumena vatia unter mehr als 20 verschiedenen wissenschaftlichen Namen beschrieben. Erst die moderne Systematik und die Betrachtung verwandtschaftlich relevanter Merkmale konnten diese Synonymien aufdecken.

Ethymologie

Gattungsname: μισούμενος [misúmenos] (Griechisch) – verhasst; μισέω [miséo] (Griechisch)–hassen

Artname: vatius, -a, -um (Latein) – nach außen gebogen (bogenbeinig), O-beinig, „Säbelbein“-

Autoren des deutschen Textes: Peter Jäger, Martin Kreuels

 

 

Literatur

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Kontakt und unterstützende Gesellschaften

Organisation and Kontakt: Dr. Peter Jäger, Forschungsinstitut Senckenberg, Senckenberganlage 25, D-6025 Frankfurt am Main, E-Mail: Peter.Jaeger@Senckenberg.de

Beteiligte Länder (Anzahl Länder: 21, Anahl Jurymitglieder: 71): Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz, Slowakei, lowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn.

 

Unterstützende Gesellschaften:

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