Arachnologische Gesellschaft

Spinnen(tiere) für Einsteiger

Die Echten Spinnen oder Webspinnen (Araneae) sind neben den Milben die artenreichste und ökologisch wichtigste Gruppe der Spinnentiere (Arachnida). Zu diesen gehören außerdem noch die Weberknechte, die Skorpione, die winzigen Pseudoskorpione und einige weitere weniger artenreiche Gruppen, die hauptsächlich in wärmeren Regionen vorkommen.

Leicht erkennbar ist, dass die Spinnentiere zu den Gliederfüßern (Arthropoda) gehören. Die Gliederfüßer sind die artenreichste Tiergruppe auf der Erde. Zu ihnen gehören neben den Spinnentieren (8 Beine) auch die Krebse (10 oder mehr Beine) und die Insekten (6 Beine) sowie die Hundert- und Tausendfüßer (18-750 Beine).

Wie erkennt man eine Spinne?

Echte Spinnen oder Webspinnen besitzen einen deutlich zweigeteilten Körper. Am Vorderkörper (Prosoma) sitzen die 4 Paar Laufbeine und ein weiteres Paar verkürzter Beine – die Taster (Pedipalpen). Ganz vorne sitzen die meist nach unten gerichteten Kieferklauen (Cheliceren) mit jeweils einem Grundglied und der Giftklaue. Auf der Oberseite des Vorderkörpers, meist nahe am Vorderrand, besitzen die meisten Spinnen acht Augen. Der Hinterkörper (Opisthosoma) ist über ein schmales Stielglied mit dem Vorderkörper verbunden und ist dadurch sehr gut beweglich. Das ist für die Webspinnen wichtig, um die am Ende des Hinterkörpers aus Spinnwarzen austretende Spinnseide sehr gezielt einsetzen zu können.

Wie bauen Spinnen ihre Netze?

Der Bau eines Spinnennetzes verläuft immer nach einem bestimmten Muster und ergibt artspezifische Netze. Bestimmte Netztypen sind charakteristisch (und namengebend) für bestimmte Spinnenfamilien – z. B. Radnetzspinnen (Araneidae), Baldachinspinnen (Linyphiidae). Nicht alle Fangnetztypen enthalten Leimfäden wie die Radnetze der Araneidae.

Um ein Netz zu bauen können Spinnen Fäden „ins Leere“ erzeugen, vom Luftstrom verdriften lassen und wenn das freie Ende sich an einem Gegenstand verfängt, hat die Spinne einen Brückenfaden als Ausgangspunkt für ein Netz.

Die Grösse der Netze kann von kaum einem Zentimeter bis über 25 m betragen. Die grössten bekannten Netze stammen von der Darwin’schen Rindenspinne auf Madagaskar, die bis zu 25 m breite Flussläufe überspannen. Es gibt auch „soziale“ Spinnenarten, bei denen ein ganzes „Volk“ Äste von Sträuchern bis zu ganzen Baumkronen mit einem gemeinsamen Fangnetz überziehen. Rund die Hälfte aller Spinnenarten verzichten auf den Bau von Netzen. Sie fangen ihre Beute schleichend, rennend oder lauernd.

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Wie groß werden Spinnen?

Die größten (Vogel-) Spinnen können als Erwachsene Körperlängen von bis zu 12 Zentimeter erreichen, die kleinsten Spinnen dagegen sind ausgewachsen nur einen halben Millimeter groß. Die meisten Arten – auch die tropischen – sind aber zwischen 0,5 und 5 cm groß. Allerdings können die teilweise sehr langen Beine viele Spinnen sehr groß erscheinen lassen. Bezüglich der  Beinspannweite sind eine tropische Riesenkrabbenspinnenart mit bis zu 30 cm und eine Vogelspinnenart mit bis zu 28 cm Rekordhalter.

Wie viele Spinnenarten gibt es?

Im World Spider Catalog sind derzeit (Version 18.5, 7/017) 46.777 Spinnenarten in 112 Familien verzeichnet, mindestens doppelt so viele und bis über 200.000 werden auf der Grundlage verschiedener Methoden geschätzt (Agnarsson et al. 2013 in Spider Research in the 21st century). Damit gehören die Spinnen zu den sechs oder sieben artenreichsten Tiergruppen auf Ordnungsniveau.

Aus Deutschland sind nach dem Online-Bestimmungwerk araneae 1016 Spinnenarten bekannt, aus der Schweiz 1002 und aus Österreich 1023 Arten (Stand 7/2017). Die Checkliste der Roten Liste der Spinnen für Deutschland listet 992 Taxa als etabliert. Selbst zu diesen, im Gegensatz zu tropischen Regionen, gut bekannten Faunen, kommen fast jedes Jahr neue Arten hinzu.

Wie giftig (und gefährlich) sind Spinnen für den Menschen?

Bis auf wenige Arten, die ihre Giftdrüsen rückggebildet haben, benützen alle Spinnen Gift, um ihre Beutetiere zu lähmen oder zu töten. Sie sind damit für ihre Beute gefährlich giftig. Die Giftdrüsen im Vorderkörper erzeugen einen „Cocktail“ aus verschiedenen Bestandteilen (überwiegend Aminosäuren). Bei den bis heute untersuchten Arten herrschen Nervengifte (Neurotoxine) vor, also Gifte, die die Beute möglichst rasch bewegungsunfähig machen. Andere Bestandteile zerstören Gewebe, Zellen oder Blut.

Selbstverständlich gehört der Mensch für keine Spinnenart zum Beutespektrum. Entsprechend sind nur wenige Gifte von etwa 40 Arten weltweit für Menschen (lebens-) gefährlich. Keine dieser Arten lebt in Mitteleuropa.

Überhaupt kommt es nur selten zu Spinnenbissen bei Menschen. Wenn es überhaupt zu einem Kontakt kommt, sind die allermeisten Arten gar nicht in der Lage unsere kräftige Haut mit ihren Giftklauen zu durchdringen. Wenn eine Spinne doch einmal zur Verteidigung einen Menschen beißt, wird meist kein oder nur wenig Gift injiziert, da dies für die Spinne die Verschwendung eines wertvollen Produkts bedeuten würde.

Beim Biss der wenigen europäischen Spinnenarten (die überhaupt Menschen beissen können) kommt es zu meist nur kurz andauernden Reaktionen um die Bissstelle herum: Brennen, Rötung, Anschwellen, ähnlich wie bei Insektenstichen, bei manchen kommt es zu vorübergehender Gefühllosigkeit an der Stelle. Für zwei in Mitteleuropa einheimische Arten (Dornfingerspinnen) sind stärkere Schmerzen und sogar Fieberschübe beschrieben worden.

Wenige Spinnenarten in wärmeren Regionen der Erde besitzen auf den menschlichen Organismus stark wirkende Giftkomponenten, die in seltenen Fällen lebensbedrohlich sein können. Dazu gehören „Schwarze Witwen“ (Latrodectus-Arten), Kammspinnen (Phoneutria-Arten, "Bananenspinnen") und die Sydney-Trichternetzspinne (Atrax robustus).

Angst vor Spinnen

Es gibt Völker, die keine Angst vor Spinnen haben, und solche, denen Spinnen heilig sind. Fachleute sind der Meinung, dass Spinnenangst (Arachnophobie) eine Urangst sei, die nur zum Vorschein kommt, wenn es einen Auslöser dafür gibt. Dies ist meistens die vorgelebte Angst vor Spinnen von Mitmenschen. Denn Angst vor Spinnen als Schutz vor einer drohenden Gefahr macht in den meisten Teilen der Erde keinen Sinn.

Mitbewohner Spinne

Unsere Wohnungen werden meist nur von wenigen Spinnenarten als Lebensraum benutzt. Das sind in der Regel solche, die in unserem (Jahreszeiten-) Klima nicht über längere Zeit im Freien überleben können, daneben solche die sich „versehentlich“ im Sommer und Herbst einfinden. Die meisten Spinnen kommen nicht mit den klimatischen und Ernährungsbedingungen in Häusern zu recht und sterben spätestens, wenn die Heizungen eingeschaltet werden und deshalb die Luft für Spinnen zu trocken wird. Keller oder Schuppen bieten dagegen vor allem höhlenbewohnenden Spinnenarten einen geeigneten Ersatz-Lebensraum. Auch besonnte Hauswände oder naturnahe Gärten liefern vielen Arten einen geeigneten Lebensraum.

Morden alle Spinnenweibchen ihre Männer?

Bekannt sind die männermordenden „Schwarzen Witwen“. Bei den meisten Spinnenarten trennen sich die Partner allerdings nach der Paarung friedlich. Es gibt jedoch Arten, bei denen die Männchen regelmäßig während oder nach der Paarung zum gefundenen Fressen werden. Bei vielen dieser Arten sind die Männchen deutlich kleiner als die Weibchen. Grundsätzlich haben Spinnenmännchen häufig nach der Suche nach Weibchen ohne eigenen Nahrungserwerb nur noch wenig Reserven und deshalb nur geringe Aussichten weiter zu leben. Sie sterben deshalb meist nach der Fortpflanzung. Wenn sie vom Weibchen gefressen werden ist also ihr Tod der eigenen Art noch von Nutzen, die Weibchen verwenden die zusätzliche Nahrung direkt für die Versorgung des gemeinsamen Nachwuchses.

Wie lange leben Spinnen?

Wenn junge Spinnen aus dem Ei schlüpfen, sehen sie schon wie Spinnen aus, nur sind sie noch winzig und fast durchsichtig mit dünner, wenig ausgehärteter Haut. Wegen ihres starren Außenskeletts aus Chitin müssen sich Spinnen, wie andere Gliederfüßer, im Laufe ihres Wachstums zur erwachsenen Spinne mehrmals häuten – kleine Arten etwa viermal, größere Arten häufiger, Vogelspinnen, die sich als einzige auch als Erwachsene (die Weibchen) häuten bis zu 20 mal.

Die meisten Arten vollenden ihren Lebenszyklus innerhalb eines Jahres. Kleine Arten können bis zu drei Generationen in einem Jahr haben. Größere Arten benötigen teilweise zwei Jahre bis sie erwachsen sind. Nur wenige Arten werden mehrere Jahre alt. Bekannte Rekordhalter sind eine Vogelspinne, die in Gefangenschaft 27 Jahre alt wurde und eine Falltürspinne die in der Natur 27 Jahre lang beobachtet wurde.

In unseren Breiten überwintern die Spinnen je nach Lebenszyklus gut geschützt als Eier im Kokon oder versteckt an geschützten Stellen als Jungtiere oder Erwachsene.

Spinnen als Räuber

Spinnen existieren seit etwa 350 Millionen Jahren und sind heute sehr artenreich weltweit verbreitet. Zu diesem evolutionären Erfolg der Spinnen hat das sehr früh entwickelte Spinnvermögen sicher ganz wesentlich beigetragen.

Ökologisch stellen die Spinnen ebenfalls eine sehr erfolgreiche Gruppe von Räubern in allen Landlebensräumen dar. Ihre Vorliebe für Insekten kommt ganz sicher auch den Menschen zu Gute, da sie in ihrer Gesamtheit riesige Mengen vertilgen. Darunter sind auch viele Insektenarten, die z.B. in unseren landwirtschaftlichen Flächen als Schädlinge auftreten. Für einige Lebensräume wurden schon über eine Million Spinnen pro Hektar errechnet, die über eine Milliarde Insekten erbeuten und damit rund 50 Tonnen pro Jahr.

Nach einer neuesten Schätzung sollen Spinnen jährlich zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen an Beute verzehren. Zum Vergleich — der Fleischverbrauch der Menschen liegt bei rund 400 Millionen Tonnen pro Jahr. Das haben die beiden Wissenschaftler Martin Nyffeler (Universität Basel) und Klaus Birkhofer (Universität Gießen) berechnet und Anfang des Jahres 2017 in der Zeitschrift Science of Nature veröffentlicht. Mehr dazu

Spinnen als Zeigerorganismen

Nicht alle Spinnenarten sind überall zu finden oder sind gleich häufig in einem bestimmten Lebensraum. Einige kommen fast überall (innerhalb einer biogeographischen Region) vor, andere Arten haben so spezifische Ansprüche, dass sie nur in bestimmten Lebensräumen (Biotopen) vorkommen. In Mitteleuropa sind heute viele Biotoptypen selten geworden und in ihrer Fläche begrenzt und ihrem Zustand beeinträchtigt (z.B. Moore, offene Dünenlandschaften). Entsprechend kommen Spinnenarten mit besonderen Ansprüchen an die Austattung oder das Klima in einem Lebensraum nur noch an wenigen Orten vor. Insgesamt verändert sich damit auch die Artenzusammensetzung an einem Standort – die Spinnengemeinschaft mit Veränderungen der Landschaft und Umwelt. Damit eignen sich Spinnen recht gut zur Beurteilung des Zustands von Lebensräumen. Auf einem intensiv bewirtschafteten Acker kommen nur etwa 20-40 Spinnenarten vor, an einem Waldrand oder in naturnahen Wäldern können es bis zu 200 Arten sein!

Weiterführende Literatur

Unverzichtbar für jede Beschäftigung mit den Spinnen ist das Buch Biologie der Spinnen von Rainer F. Foelix (1992 erschienen im Thieme Verlag, 2011 in einer neuen englischen Version: Biology of Spiders, Oxford University Press) in einer völlig neu bearbeiteten und aktualisierten Ausgabe von 2015 (430 Seiten, Edition Chimaira, Frankfurt a. M.).

Hervorragende Übersichtsartikel (in englisch) zum Stand der Forschung zu Spinnen in den Bereichen Biodiversität, Systematik, Ökologie und Biogeographie, Genetik, Verhalten, Spinnseide und Paläontologie finden sich im kürzlich (2013) erschienenen Buch: Spider Research in the 21st Century – trends & perspectives, Siri Scientific Press, Manchester, UK.

Weitere empfehlenswerte Lehrbücher zu einzelnen Aspekten und Themen:

Sinne und Verhalten: aus dem Leben einer Spinne von Friedrich G. Barth (2001), Springer Verlag, Berlin.

Spiders in ecological webs von David H. Wise (1993), Cambridge University Press.

Ecophysiology of Spiders herausgegeben von Wolfgang Nentwig (1987), Springer Verlag, Berlin.

In unserer Fachzeitschrift Arachnologische Mitteilungen finden sich wissenschaftlich fundierte und gutachtergeprüfte Artikeln zu Spinnentieren in deutscher und englischer Sprache. Populärwissenschaftliche Artikel zu Spinnenfaunen, biologischen und terraristischen Aspekten finden sich in der Zeitschrift Arachne der DeArGe.

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